Galathil trat, gefolgt von Curunir, hinaus in den Regen. Er spürte, wie die wohlige Wärme seines Bettes langsam aus ihm kroch und der Kälte des Wassers und des Windes, der die Tropfen wie kleine, nasse Pfeile vor sich hertrieb und ihn rasch durchnässte, Platz machte. Sofort musste er an seinen Traum zurückdenken… In Gedanken kehrte er an den reißenden Fluss zurück. Den Fluss des Todes wie er von den einen, den Fluss des Lebens wie er von den anderen genannt wurde. Der Fluss, der in jedem fließt, der einen am Leben hält. Der Fluss, der in ihr schon lange versiegt war, weil er…Er wagte es nicht, weiter zu denken…
Nun konnte er sie wieder vor sich sehen, dort, am anderen Ufer, stumm und schön wie eh und jeh, doch leblos und tot. Das Rauschen des Regens begann Herr seiner Sinne zu werden. In Galathils leeren Augen fand er eine offene Tür, durch die er eilig schritt und fest hinter sich verschloss als er sich Eintritt verschafft hatte. Das monotone Prasseln und Trommeln der Tropfen füllten ihn, die Wassermassen rissen ihn förmlich mit, machten ihn zum Spielball der Wellen aus Finsternis und Kälte. Bald war das kühle Nass, der Regen, der Fluss, in ihm und um ihn herum, drohten ihn zu ersticken und mit sich zu nehmen aus dieser Welt, aus der sie schon lange verstoßen worden war. Sie war über den Fluss gegangen und er war ihr Fährmann gewesen…
“Galathil! Komm, weiter! Gala-!” Die wohlbekannte, melodiöse Stimme Curunirs riss ihn mit einem Mal aus den um sich greifenden Wogen, verdrängte die Dunkelheit aus seinem Herzen. Elbenmagie war etwas Wunderbares…
Als Galathil wieder zu sich kam, fand er sich im Matsch knieend wieder. Das Bündel, das er sich hastig geschnürt hatte, lag zusammen mit seinem Langbogen neben ihm im Schlamm. Den Blick zu Boden gesenkt starrte er auf seine bleichen Hände, die in der Schwärze der Nacht vor ihm zu schweben schienen. Sie zitterten.
“Galathil, mein Freund, was ist geschehen?”, fragte Curunir besorgt. Ohne es mitbekommen zu haben war der Elb zu ihm zurückgeeilt. Galathil hatte es nicht bemerkt, denn Elben vermieden es, sich geräuschvoll zu bewegen. ‘Eine weiteres, faszinierendes Geschenk an das edle Volk der Elben’, dachte Galathil, der dem Menschengeschlecht angehörte, im Stillen.
Schwere Tropfen fielen ihm ins Gesicht als er den Kopf hob um Curunir zu antworten. “Uns Menschen bekommt es anscheinend nicht, mitten in der Nacht geweckt zu werden, das ist alles.” Er versuchte ein Lächeln. Galathil blickte in das skeptische Gesicht des Elben und wusste, dass dieser ihm nicht glaubte. Kein Wort. Aber wenn er ganz ehrlich war hatte er das bereits gewusst, als er seinen kläglichen Versuch machte. Einen Augenblick sahen sich die beiden stumm an während der Regen unaufhörlich fiel und fiel, als wolle der Himmel die Tropfen da oben nicht mehr haben. Schließlich brach Galathil die Stille: “Na los, hilf mir schon auf, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.” Curunir tat, wie er gebeten wurde. Rasch zog er seinen Menschenfreund auf die Beine, wo dieser einen kurzen Moment wankend im Matsch stehen blieb bevor er sein Hab und Gut vom Boden aufklaubte und sich in Bewegung setzte. Die Schritte waren anfangs noch etwas wackelig (auch der grundlose Boden war nicht ganz unbeteiligt daran) und Curunir wich seinem Mitstreiter nicht von der Seite. Ihm war die Angelegenheit peinlich. Schwäche zu zeigen war alles außer männlich und keineswegs das angemessene Verhalten eines Kriegers.
Deswegen sprachen die zwei nicht als sie über den Hof des kleinen Anwesens schritten, hinter das Haus zu den Ställen wo der Rest ihres Trupps und ihre Pferde auf sie warteten. Die Kronen der Bäume, die den Platz umgaben, sahen gegen das fahle Licht aus wie Reiter auf ihren treuen Rössern, die zusammen einen unerbittlichen Kampf gegen Schattengestalten führten. Langsam wogen sich die Zweige und Blätter, Äste und Nadeln im Wind, vor und zurück. Mit beinahe majestätischen Gebärden wurde dort oben, hoch über ihren Köpfen, eine endlose Schlacht ausgetragen, deren Ausgang er, Galathil, sicher nicht miterleben würde. Er würde nicht wie die Elben ewig leben, und das war gut so. Wäre er allerdings ein Elb gewesen, so wäre er nun nicht mehr auf dieser Welt, sondern bei ihr, das wusste er, und dennoch bevorzugte er dieses dröge Leben. Zum Sterben blieb später immer noch genug Zeit…
Das Licht, das aus dem Stall zu ihnen herüberdrang verwandelte den Morast unter ihren Füßen in ein Gewirr aus Lichterchen, die nachlassenden Regentropfen glitzerten wie die kostbaren Gemmen in den Kronen der altvorderen Könige von denen die Alten in Wirtschaften, bei gemütlicher Runde immer gerne erzählten. Eine bizarre Schönheit, gemacht aus Schlamm und Wasser. Schlamm und Wasser…
Galathil lächelte ein bitteres Lächeln als er und Curunir -beide nass bis auf die Knochen- in den Schutz der Stallung traten. Gelächter drang aus dem hinteren Teil des Gebäudes, wo sich der Rest der Gruppe zusammengefunden hatte und nun auf die zwei fehlenden Männer warteten.
Als der Mensch in den Stall trat und die freudigen, gelassenen Stimmen zu ihm drang tropfte die Kälte beinahe von ihm ab, genauso wie die Wärme vorher aus ihm vertrieben worden war. Der würzige Duft aus Heu und Pfeifenkraut erfüllte die Luft. Galathil sog den Geruch in vollen Zügen ein und erlaubte ihm, seine Sinne zu vernebeln. “Da seid ihr ja endlich!”, spottete einer der Freischärler, als die zwei Krieger sich dem Trupp näherten. “Ja, hier sind wir”, entgegnete Galathil gelassen. Hier war er und er würde mit ihnen in den Kampf ziehen. Er würde mit ihnen kämpfen bis der gnädige Tod ihn holte…
***
Bereits jetzt ging ihr der Tag auf die Nerven, obwohl dieser erst vor weniger als zwei Stunden begonnen hatte. Der lange Pulk aus Kutschen, Wachen und Gesinde schob sich nur langsam durch die schmale Schlucht, die zwischen den Gebirgen eingekerbt worden war. Wie sie diese Tage doch hasste… Aber wenigstens war es Énna vergönnt gewesen, sich einen der Warge als Reittier zu nehmen. Und wer weiß, vielleicht konnte sie diesen später, nach getaner Arbeit, noch anderweitig verwenden…? Ein hungriges Lächeln huschte über ihre Lippen und entblößte ihre spitzen Zähne.
Der Zug stockte erneut, das Lächeln erstarb. Wut und Zorn kochten in ihr hoch – eine gefährliche Mischung, denn den Hunger, den sie spürte, brachte ihr Blut sehr schnell in Wallung. Sie seufzte, unterdrückte ihre Emotionen. Énna schloss ihre Augen und fing damit an, Gebrauch von ihre dunklen Magie zu machen: ein einziger, zielgerichteter Gedanke an ein äußerst unschönes Ende des Wargs trieb die Bestie unter ihr schließlich dazu an, aus Furcht schneller zu laufen. Rasch ritt sie an den fluchenden Gestalten vorbei und suchte mit ihren grauen Augen die Menge nach der Ursache des Stockens ab. Scließlich gelangte sie an die Spitze der Kolonne und fand, wonach sie suchte: Ein Rudel wilder Wölfe hatten in blinder Raserei zwei der Warge angegriffen, die einen Karren mit Waffen zogen. Mal wieder hatten die Wargführer nicht rechtzeitig reagiert und nun musste sie als Anführerin des Trupps den Schlamassel ausbaden. Sie konnte die Wut in sich spüren, wie sie sich in ihre Innerein fraß. Fraß… Sie schloss die Augen, atmete tief durch, das Geheul der Wölfe und Warge aus ihrem Gehör verbannend. Verdammt, heute war wirklich nicht ihr Tag…
Als Énna die Augen öffnete hatten es die Wargführer noch immer nicht geschafft, die Keilerei unter den Tieren zu schlichten. Die Minuten verrannen und immer noch hingen sie im Gebiet des Feindes fest. Wut und Zorn, gepaart mit Hunger – eine tödliche Mischung und zudem zu viel für Énna. Sie verlor die Kontrolle und das, was jeder fürchtete, geschah…
Ein ohrenbetäubender Schrei entfuhr der Kehle jenes dunklen Wesens. Lautlos glitt sie von ihrem Warg, landete mit gesenktem Kopf auf allen Vieren auf dem vom Regen aufgeweichten Boden, ihr langes, schwarzes Haar verdeckte ihr edles Gesicht vollkommen. Ruckartig sprang sie auf, den Blick auf ihre Beute gerichtet und diese fixierend. Mit Schrecken beobachteten die anderen das Geschehen: Innerhalb einer Sekunde war Énna wie eine Katze auf die Warge und das abgemagerte Rudel Wölfe zugesprungen, lautlos und todbringend. Das letzte, was die Umstehenden sahen, bevor das Blut in Strömen floss waren die langen Krallen und Fänge und der hungrige Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie die Klauen in die Seite eines Wolfes schlug…