Und wieder einmal schreckte er aus seinem unruhigen Schlaf hoch… Ihre samtene Hand entglitt ihm gerade noch und verflog daraufhin wie Geisternebel in der Luft, während ihre körperlose Gestalt in das tiefe Dunkel des engen Zimmers entschwand. Weder wach noch schlafend setzte er sich auf die Kante seines Betts, wischte sich den Schweiß von der Stirn und versuchte vergeblich seine wie kleine Wassertropfen auf einem Spinnennetz verstreuten und festgehaltenen Gedanken zu sammeln. Sein Blick fiel auf das kleine Fenster zur Rechten, durch das der Mond die Stube mit zarten Strahlen schemenhaft erleuchtete. Es regnete. Vor dem Fenster stehend und den Blick über die Bäume, Wege und Gräser, die den ungezügelten Launen des Wetters trotzten, schweifen lassend, durchzog ein seidener Schleier des immer wiederkehrenden Traumes seine Gedanken. Überall sah er nur sie… Ihr wallendes schwarzes Haar glich den Regenwogen, die in tiefschwarzer Nacht vom Mondschein durchdrungen und erhellt werden. Die nassen Wiesen, deren blitzendes und sattes Grün durch das Licht der Nacht glänzte und schimmerte, ließen ihn in ihre wunderschönen Augen blicken. Ein tiefes Rauschen näherte sich plötzlich von der Seite und der Traum überwältigte ihn erneut: Den Fluß der Toten vor sich, der das Reich des Lebens von dem der ewigen Finsternis trennt. Wie ein gewaltiges Wassergrab liegt der Strom ruhig und still darnieder – am anderen Ufer erblickt er stets seine Geliebte… Ihr so fern, und doch so nah kann er ihre weiche Haut spüren, ihren sanften Atem fühlen. Ihrer beide Hände umfassen einander…
Tock, tock – Ein Klopfen an der Zimmertür riss ihn unsanft aus seinen dahinfließenden Erinnerungen und eine vertraute Stimme raunte: „Galathil, es ist soweit! Wir brechen auf!“ Der langersehnte Moment war also gekommen: In wenigen Stunden, wenn sich die Sonne im Glanze des Morgens über die schneebedeckten Gipfel der Verlassenen Berge im Osten erheben wird sowie die erste Lichtstrahlen durch das dichte Blätterwerk des Taur-im-Duinath brechen und und den wipfelreichen Wald in ein malerisches Licht tauchen werden, wird die Karawane des machtsüchtigen Herrschers Gorthaur den vermeintlich sicheren Pfad durch den tiefen Forst passieren und nichts vom ihnen bevorstehenden Überfall der Cerchevarest, des Treubundes der tapfersten Krieger der Südküste, welche für die Freiheit des unterdrückten Landes einstehen, ahnen. Hastig packte Galathil seine Waffen – Schwert, Schild und Bogen – mitsamt seinem Wegzeug zusammen, denn Curunír wartete bereits auf ihn. Trotz aller Tapferkeit und Kampfeskraft, die Galathil aufbringen konnte, wäre er ohne seinen treuherzigen Gefährten, der schon viele Winter kommen und gehen gesehen hatte und die gute Seele der Freischärlertruppe war, aufgeschmissen gewesen. Denn jedes Mal, wenn es darauf ankam, eine listenreiche Gefechtstaktik oder einen gewieften Plan auszutüfteln, war auf den weisen, aber keineswegs gebrechlichen Elben Verlass. Abgesehen davon war er wie kaum ein Zweiter in der Kunst des Bogenschießens bewandert und vermochte es selbst auf 100 Fuß gegen die Sonne einem Ork die Stirn zu spalten. Der Plan für den ersten Nadelstich gegen Lord Gorthaur war denkbar einfach: Eine Hand voll Cerchevarest-Schergen sollte sich an einer günstigen Stelle in den höchsten Baumkronen des Taur-im-Duinath verbergen, um im rechten Moment die Falle zuschnappen zu lassen und am Ende das nahegelegene Dorf Rauros aus der Knechtschaft zu befreien. Wenn alles wie geplant verlaufen sollte, würde der Handelszug aus dem Norden des Reiches mit allerlei Waffen beladen sein, mit deren Hilfe nach dem Überfall die bei Rauros auf einem geschützten Hain versammelten Rebellen unter Blut und Eisen die Freiheit für die beschauliche Küstensiedlung wiedererlangen sollten. Das Ende der Tyrannei des von Gorthaur eingesetzten Vorstehers war greifbar nah!