Das Blut raste durch ihre Venen und ihre Halsschlagader pochte sprengend, als sie langsam wieder die Kontrolle über sich gewann. Wie eine Schlange sich im Griff ihres Bändigers windet, kämpfte sie für einen Moment gegen die unbändige Glut in ihrem Herzen an, als sie schließlich wieder die Kühle ihres zurückkehrenden Verstandes spürte. Ein erfrischender Wind umflog ihr dichtes Haar, als ihre Sinne zur Ruhe kamen. Sie ließ die blitzenden Augen über das Blutbad schweifen. Vereinzelt war noch das Wimmern einzelner grausam verstümmelter Kreaturen zu vernehmen, deren Siechen die Speerstöße einiger Drûn-Soldaten beendeten. Der gellende Todesschrei eines verendeten Wargs durchschnitt die Luft… Ein düsteres Szenario… Der Geruch von Fleisch und Blut stieg ihr in die Nüstern…
Doch plötzlich – gleich einem klaren Bach, der sich seinen Weg durchs unwegsame Gestein bahnt – floss ihre Gestalt hinüber, als Énna sich schnaufend aufrichtete. Aus dem blutrünstigen Monster war wieder das zierliche Geschöpf geworden, das sich mit einer schwarze Kutte gegen Kälte und Regen schützte. Mit ihren dunklen Augen den kargen Boden durchbohrend, versuchte Ènna ihre Gedanken aufzuklauben. Was war geschehen? Sie konnte sich an nichts erinnern… Ihre Emotionen, ihre Gefühle, ihre Rage hatten sich in gefährliche Höhen begeben, sie wieder einmal überwältigt… Ein roter Blitz war ihr in die Brust gefahren – die Erinnerung an das, was danach folgte, war ein einziger dunkler Fleck – wie als ob jemand ein Loch in das Papier ihrer Empfindungen gebrannt hätte. Doch das war das Schicksal einer jeden Cannas Luithannen, der „verzauberten Gestalt“, die sich dem finsteren Magier Morion angeschlossen hatte und dafür ihre Freiheit dem Überlebenswillen geopfert hatte.
„Wir ziehen weiter!“ – Mit scharfer Stimme riss Énna die betreten schweigenden Wächter aus ihrer Lethargie angesichts des Schlachtwerks. Die Geier kreisten bereits in der sirrend heißen Luft über der Schlucht und warteten darauf ihr Mahl mit dem Tod zu teilen. Langsam setzte sich der Zug wieder in Gang, der Schwermut und die Furcht vor der schweren Mission stand den Drûn ins Gesicht geschrieben – eine schwarze Wolke schwebte über der Heerschar. Am Wegrand verweilend, während die Karawane an ihr vorbeitrottete, hielt Ènna nach ihrem Warg Ausschau, der sie bislang auf ihrer Reise ins Ungewisse begleitet hatte. Geschwind wie ihre Klauen die verdammten Kreaturen aufgeschlitzt hatten, zogen die Bilder des Gemetzels an ihrem inneren Auge vorüber – kein Warg oder Wolf hatte überlebt. Resigniert senkte sie den Kopf und betrat mit unsicherem Schritt den staubigen Weg und schloss sich dem dunklen Zug an. Das schmale Nadelöhr am Ende der Schlucht war bereits zu sehen, als die Sonne unterging und die letzten Strahlen des Tages aus der Ferne in Ènnas Auge trafen…
++++
Mit leerem Blick stand Galathil in der Tür und starrte in das Zimmer am Ende des Stalles, in dem der Rest der Truppe auf ihn und Curunír gewartet hatte. An der Wand zu seiner Linken brannte ein Herdfeuer, dessen flackerndes Licht den gesamten Raum ausfüllte und die Schatten zitternd tanzen ließ. Wie von einer unsichtbaren Macht angesogen, sehnte sich Galathil nach der freundlichen Wärme des Feuers – Wärme hatte er schon so lange nicht mehr verspürt… In der Mitte des heimeligen Raumes, der von großen Balken getragen wurde, befand sich ein großer, hölzerner Tisch, um den herum die Cerchevarest-Streiter saßen und versucht hatten mit krügeweise Met die beißende Anspannung zu vertreiben. Regen prasselte wie heftiges Trommelfeuer gegen die Fenster, Blitze schillerten immer wieder für einen Wimpernschlag in den Stall und ließen die Kämpfer erahnen welche Unannehmlichkeiten ihnen noch bevorstanden… „Wenn wenigstens der Sturm nachlassen würde…“ brummte Curunír, als er durch die tiefe Tür trat und die Blicke der Freischärler auf sich zog. Ein Elb war in Idrassil eben doch etwas besonderes, etwas seltenes… Aber das Leid dieser edlen Rasse zu lindern, war eines der erklärten Aufgaben des Cerchevarest-Bundes und so blickten die Kämpen grimmig und voller wilder Entschlossenheit in die matten Augen des Elben.
„Wir müssen uns beeilen, der Mond steht bereits tief!“ Curunír unterbrach rasch die eisige Stille – er wusste, dass bei seinem Anblick jeder sofort an die Marter der Elben erinnert wurde. Was hatte Gorthaur nur diesen einst so mächtigen Wesen angetan? Verfolgt hatte er sie, zusammengetrieben hatte er sie und ohne einen Hauch von Mitleid umgebracht hatte er sie. Aber dennoch: Ihre strahlende Magie hat er ihnen niemals nehmen können. Und solange nur ein einzelner Elb noch über die Gestade dieser Welt schreitet, wird mit ihm die magische Kraft seines Volkes weiterleben. Curunírs Augen blitzten auf bei diesem Gedanken, während er die Blicke jedes einzelnen Gefährten erwiderte.
Kampfeswille durchfuhr sogleich die Glieder der Schergen, erfüllt mit neuem Mut sprangen sie auf, um sich für den Marsch in die Tiefen des Waldes vorzubereiten. Die Waffenkammer befand sich nebenan und war vom regem Treiben erfüllt, als Waffen, Schilde, Bögen und Speere ergriffen wurden. „Denkst du, wir werden das hier überleben?“ fragte Galathil seinen treuen Weggefährten Curunír, als die beiden auf die Rückkehr der Mitstreiter warteten. „Ich kann es dir nicht versprechen, mein Freund… Aber wenn wir es nicht versuchen, versucht es niemand.“ Galathil biss sich zweifelnd auf die Lippen. Plötzlich ergriff erneut eine scharfe Kälte sein Herz und ein Schwall eisig kalten Blutes durchfloß seinen Körper. „Verdammt, was ist mit mir los?“ Er spürte wie ein dunkler Schatten sich über seine Seele legte und eine endlose Finsternis sein Augenlicht verhüllte. „Galathil, alles in Ordnung?“ Aus der Ferne drang Curunírs tiefe Stimme durch den schwarzen Nebel, der Galathil’s Geist umklammerte. Er riss die Augen auf, versuchte sich selbst zu finden – doch alles, was er erblickte, war verschlingendes Schwarz. Keine Hand griff nach ihm, um ihn aus den düsteren Fluten zu ziehen – nicht einmal die weiße Magie Curunírs konnte ihn befreien. Etwas größeres war hier am Werk…
Furcht machte sich in Curunírs Gedanken breit, als er in das bleiche Gesicht seines zu Boden gesunkenen Kameraden blickte. Galathils Haut schien von einer Wachsschicht bedeckt, Schweiß hing auf seiner Stirn… „Nein, Galathil, nicht jetzt, nicht schon wieder…“ Der Überfall auf den anrückenden Konvoi stand unmittelbar bevor und der mächtigste Streiter der Truppe wandelte in anderen Sphären. In Sphären, in denen ihn niemand erreichen konnte, in denen Schwarz und Weiß ineinander übergingen… „Es hat keinen Zweck, wir müssen ihn zurücklassen…“ sprach Curunír mit brüchiger Stimme zu sich selbst. Die Wärme des Herdfeuers war gewichen, Angst erfüllte das Herz des sonst so tapferen Elben… Er erinnerte sich an Galathils Frage, er konnte hören wie er sie stellte: „Denkst du, wir werden das hier überleben?“